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Aktuelles

Landesgruppe setzt sich mit NS-Zwangssterilisationen auseinander

Saarbrücken, 29. November 2016 - Gut besucht war die diesjährige Landeshauptversammlung des Landesverbandes Saarland des NAV-Virchow-Bundes vom 23.11.2016. Es ging im Gegensatz zur Bundeshauptversammlung, die sich in die Zukunft gerichtet mit der Gestaltbarkeit der Digitalisierung der ärztlichen Praxis beschäftigte, um die Auseinandersetzung mit einem schwierigen Kapitel der Vergangenheit.Thema war die illegale und streng geheime Zwangssterilisation der Rheinlandbastarde von 1937 und die ausgebliebene Strafverfolgung der ärztlichen Täter nach 1945.

Das Thema stieß auf reges Interesse beim Publikum
NAV-Landesgruppenvorstand Dr. Rauber mit Referentin Dr. Tascher

„Rheinlandbastarde“ ist eine abwertende Bezeichnung, die in Deutschland während der Zeit der Weimarer Republik für Kinder verwendet wurde, die einen schwarzen Vater und eine weiße Mutter hatten. Nicht wie das Wort Bastard assoziiert handelt es sich um uneheliche Kinder, sondern ausschließlich um Kinder verheirateter Paare von deutschen Frauen und Soldaten aus den Kolonien Frankreichs in Afrika. Diese Kinder waren ebenso wie deren Mütter erheblichen Diskriminierungen durch die deutsche Bevölkerung ausgesetzt. 

Referentin war Frau Dr. Giesela Tascher, die sich seit Jahrzehnten mit der Entwicklung des Gesundheitswesens im Saarland beschäftigt, sowohl im Saargebiet von 1920 bis 1935 unter dem Protektorat des Völkerbundes als auch von 1945 während der Angliederung an Frankreich bis zum Beitritt des Saarlandes in die Bundesrepublik 1955.

Ausführlich zusammengefasst hat sie die Ergebnisse der Forschung in ihrer Publikation: „Staat, Macht und ärztliche Berufsausübung von 1920 bis 1956.“ Seitens der Bundesärztekammer wurde ihr der Herbert-Lewin-Forschungspreis zur Rolle der Ärzteschaft im Nationalsozialismus verliehen, seitens der saarländischen Ärztekammer die Alken-Medaille.

Ihr Referat beschäftigte sich mit einem Thema, das sie erstmals in diesem Frühjahr im Deutschen Ärzteblatt publiziert hatte: Zwangssterilisation an gesunden Kindern. Auch nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 waren die durchgeführten Sterilisationen unzulässig und rein rassenhygienisch und erbbiologisch begründet.

Zum einen ging es um den Umgang mit den Opfern, mit dem Gedenken ihnen ihre Würde wiederzugeben. Zum andern hatte der Landesverband das Thema gewählt, um sich mit der Rolle der Heilberufe während der NS-Diktatur im Saarland auseinanderzusetzen und dafür Sorge zu tragen, dass das individuelle vertrauensvolle Arzt-Patient-Verhältnis und die ärztliche Berufsausübung nicht durch Dritte beeinflusst und instrumentalisiert werden. 75 % der Ärzte des Saarlandes waren bereits vor der Eingliederung in das Deutsche Reich Mitglied in der NSDAP, aus welchen Gründen auch immer, ob aus Überzeugung, Opportunismus, Karrierestreben oder Anpassung.

Der damals leitende Medizinalbeamte Max Obé wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges ab 1. Juni 1945 Abteilungsleiter der Abteilung Soziale Angelegenheiten und Gesundheitswesen (später Abteilung Arbeit) des „Regierungspräsidiums Saar“. Am 25. Oktober 1945 wurde er zum Vorsitzenden des Landesversicherungsamtes des Saarlandes ernannt, jedoch bereits am 1. Februar 1946 auf Druck der amerikanischen Militärbehörden wieder entlassen. Auf Beschluss des Säuberungsausschusses der französischen Militärregierung wurde er vom Dienst suspendiert. Die Suspension wurde im November 1947 wieder aufgehoben. Im Januar 1950 wurde Max Obé zum Präsidenten der Ärztekammer Saar gewählt – eine Funktion, die er bis 1962 innehatte. Zudem erhielt er zahlreiche Ehrungen wie die Paracelus-Medaille der deutschen Ärzteschaft, die Ehrenbürgerwürde der Saarländischen Universität und die Ehrenmitgliedschaft der Medizinischen Gesellschaft des Saarlandes. Ernannt wurde er zum geheimen Sanitätsrat und ausgezeichnet mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland sowie auch Ehrenpräsident der saarländischen Ärztekammer.

Insofern wollte die Veranstaltung auch anstoßen, eine Diskussion darüber zu entfachen, wie am besten mit dem Andenken an ärztliche Standespolitiker nach 1945 umgegangen wird, die sich Verbrechen gegen die Menschlichkeit schuldig gemacht haben.

Die Bedeutung der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wurde auch unterstrichen dadurch, dass seitens der saarländischen Ärztekammer Kammerpräsident Dr. Josef Mischo anwesend war, der in der anschließenden Diskussionsrunde betonte, dass es wichtig sei nicht anzuklagen, sondern zu analysieren, die Erinnerung an die Opfer zu bewahren und für die Zukunft ein ethisches Bewusstsein zu entwickeln, damit sich solche Vergehen gegen die Menschlichkeit nicht wiederholten.

Dr. Nikolaus  Rauber
Vorsitzender der Landesgruppe Saarland

Literatur zum Thema siehe unter:

Tascher, G.: NS-Zwangssterilisationen/Handeln auf Befehl des Führers, Deutsches Ärzteblatt/Jg. 113/Heft 10/11. März 2016/A 420

Tascher, G: Die Gründung der Ärztekammer des Saalrandes im Oktober 1945: Saarländisches Ärzteblatt April 10/2015/Seite 9-29

Tascher, G.: Staat, Macht und ärztliche Berufsausübung 1920-1956, Gesundheitswesen und Politik: Das Beispiel Saarland, Verlag Ferdinand Schöningh GmbH, Paderborn 2010

Der NAV-Virchow-Bund ist der einzige freie ärztliche Verband, der ausschließlich die Interessen aller niederlassungswilligen, niedergelassenen und ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte aller Fachgebiete vertritt.

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