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Aktuelles

Die Entmündigung des Arztberufes

Saarbrücken, 01. Dezember 2012 - Gastredner der Bundeshauptversammlung des NAV-Virchow-Bundes am 16.11.2012 in Berlin war Prof. Dr. Unschuld, der Direktor des Horst-Görtz-Stiftungsinstitutes an der Charité – Universitätsmedizin in Berlin. Als Medizinhistoriker beschäftigt er sich seit Jahren mit den Veränderungen des deutschen Gesundheitssystems, insbesondere dem gesellschaftlichen Prozess der Deprofessionalisierung der Standesberufe.

Medizinhistoriker und Buchautor: Prof. Paul Unschuld kritisiert die Ökonomisierung der Medizin (© Lopata - NAV-Virchow-Bund)

Zu seinen Büchern zählen „Der Arzt als Fremdling in der Medizin“ oder „Ware Gesundheit“. Erstaunlich ist, dass ein Historiker, der selbst kein Arzt ist, in seinen Publikationen darauf hinweist, dass die aktuellen Umbrüche im Gesundheitswesen mit einer Entmündigung des Arztberufes einhergehen und Ärzte von Dienstleistern zu Handlangern der Krankenkassen werden, die immer mehr auf das Verordnungsverhalten der Ärzte Einfluss nehmen.

Gefragt sei heute Renditedenken, wodurch Ärzte und Apotheker an den Rand des Gesundheitswesens gedrängt würden. Neue Akteure etablierten sich, insbesondere die gesetzlichen Krankenkassen, die aber in ihrer eigentlichen Bestimmung nichts anderes als Verwaltungsbürokratien seien.

Sie seien vor mehr als 100 Jahren geschaffen worden, um in der nationalen Solidargemeinschaft Pflichtbeiträge der Gesunden einzusammeln und für die medizinische Versorgung derer wieder auszugeben, die sich aus eigener Kraft eine angemessene Behandlung nicht leisten könnten. An sich könnte die Arbeit der gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich in einfachen Verwaltungsgebäuden verrichtet werden. Hingegen hätten sich die Krankenkassen zu Unternehmen mit weitgestreuter Produktpalette und ausgefeilten Marketingstrategien zur Gewinnung von Kunden gewandelt.

Mit der Einführung einer „Gesundheitswirtschaft“ hätten wir eine neue Dimension des gesamtgesellschaftlichen Umgangs mit Kranksein und Gesundheit erreicht. Erstmals in der Zivilisationsgeschichte sei der Kranke volkswirtschaftlich mindestens so wertvoll wie der Gesunde. Zu nennen seien in diesem Zusammenhang Gewinnoptionen durch den Morbi-RSA, was einzelne Krankenkassen dazu verleite Leichtkranke zielgerichtet zu verkranken. Schwerstkranke würden für Krankenkassen zu lukrativen Kunden.

Gesundheitsförderndes Verhalten werde zunehmend in die Hände des Individuums zurückverlagert. Gesundheit werde zum Selbstzweck des einzelnen Bürgers und es stehe jedem frei, seinen privaten Mitteln entsprechend, diese Gesundheit zu erwerben. Gesundheit werde zur Ware.

In diesem Prozess störten die im alten System zentralen Gesprächspartner der Patienten, die Ärzte und Apotheker. Folglich komme es zu einer kontinuierlichen Verdrängung. Sie störten, weil sie ausgebildet seien ihre medizinisch-fachliche und ethische Kompetenz an vorderster Stelle in den Dienst des Patienten zu stellen, nicht aber die Investorenrendite.

Ärzte und Apotheker gingen dem Status der Abhängigkeit mit derselben Geschwindigkeit entgegen. So z. B. der durch eine Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel in der Laienpresse beeinflusste Patient Druck auf die Ärzte bezüglich des Verordnungsverhaltens aus. Auch der Zwang in Chefarztverträgen zur jährlichen Umsatzsteigerung beizutragen, die Rabattverträge sowie der Einfluss der Krankenkassen auf Codierungen zwängen die Ärzteschaft zunehmend in die professionelle Unfreiheit. Durch all diese Entwicklungen gehe das in der Vergangenheit erworbene Vertrauen des Patienten, dass ein erforderlicher Eingriff zur Vorbeugung oder Therapie aus medizinischem Interesse und nicht aus ökonomischen Erwägungen vorgenommen werde, zunehmend verloren.

Der Vortrag endete mit dem Aufruf zu standespolitischem Engagement, um die Anwaltschaft für die Patienten wieder zu erlangen. Der Appell des Gastredners wurde seitens der Bundeshauptversammlung in verschiedenen Anträgen zur Zukunft des Gesundheitswesens, insbesondere auch zum Erhalt der Freiberuflichkeit aufgegriffen wie sie in § 1 Abs. 1 der Musterberufsordnung für Ärztinnen und Ärzte festgeschrieben ist. Dieser Status wurde seitens des Bundesgerichtshofes in seinem Grundsatzurteil vom 29.03.2012 geschützt, als er u. a. ausführte, dass der freiberuflich tätige Kassenarzt aufgrund der individuellen, freien Auswahl des gesetzlich Versicherten tätig werde. Sein Verhältnis zu dem Versicherten, der ihn regelmäßig individuell auswähle, werde wesentlich von persönlichem Vertrauen und einer Gestaltungsfreiheit gekennzeichnet, die der Bestimmung durch Dritte, wie etwa der gesetz­lichen Krankenkassen, weitgehend entzogen sei. Die Einbindung eines Arztes in ein System öffentlich gelenkter Daseinsfürsorge verleihe der vertragsärztlichen Tätigkeit nicht den Charakter hoheitlich gesteuerter Verwaltungsausübung.

Der NAV-Virchow-Bund hat sich zum Ziel gesetzt, durch seine Aktivitäten die professionelle Autonomie wieder zurückzugewinnen und dadurch das Vertrauen der Patienten in eine auf der Grundlage besonderer beruflicher Qualifikation eigenverantwortliche und fachlich unabhängige Heilbehandlung zu stärken. Zu dieser Autonomie gehören die unabhängige Anwendung des ärztlichen Wissens und eine eigene Berufsaufsicht, die Freiheit der Niederlassung, die Diagnostik-und Therapiefreiheit, die Freiheit Sprech-und Behandlungszeiten frei zu gestalten, die Selbstbestimmung über das Honorar mit festen betriebswirtschaftlich kalkulierten Preisen und der Schutz der Praxis vor staatlichen Eingriffen wie polizeilichen Abhörmöglichkeiten.

Der NAV-Virchow-Bund ist der einzige freie ärztliche Verband, der ausschließlich die Interessen aller niederlassungswilligen, niedergelassenen und ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte aller Fachgebiete vertritt.

NAV-Virchow-Bund
Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e.V.
Landesgruppe Saarland
Landesvorsitzender: Dr. Nikolaus Rauber
Rheinstraße 35
66113 Saarbrücken
Tel.: 06 81 / 97 17 23 3
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