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Coordt: „Die Selbstverwaltung ist der richtige Ort, Probleme zu benennen"

Berlin, 14. August 2014 - BÄ: Herr Coordt, Sie treten in die Fußstapfen von Harald Mau, der 25 Jahre die Landesgruppe Berlin-Brandenburg des NAV-Virchowbundes entscheidend geprägt hat. Welche neuen Akzente möchten Sie als sein Nachfolger setzen?

Coordt: Prof. Mau hat sich immer dafür eingesetzt, dass der Patient im Mittelpunkt unserer Arbeit steht. Dies bleibt auch so. Als NAV-Virchow-Bund in Berlin und Brandenburg geht es uns um die Behandlung des kranken Menschen, nicht darum, der verlängerte ambulante Arm der Kassen zu sein. Es geht um die gezielte Versorgung unserer Patienten in ihrem jeweiligen Umfeld, egal ob Stadt oder Land. Es sind in allererster Linie wir Ärzte und – ganz bewusst hier genannt – auch die Psychotherapeuten, die Verantwortung für kranke Menschen haben. Wir sollen und können stolz auf unseren Beruf sein, auf unsere Arbeit, auch auf unser Engagement in der Selbstverwaltung. Denn die Selbstverwaltung ist der richtige Ort, um Probleme zu benennen und Vorschläge zu entwickeln.

BÄ: Der NAV-Virchowbund versteht sich als Berufsverband aller niedergelassenen Ärzte. Doch immer wieder brechen Konflikte zwischen verschiedenen Fachgruppen auf. Wie wichtig sind diese Auseinandersetzungen und wie kann trotzdem eine Einheit der niedergelassenen Ärzteschaft hergestellt werden?

Coordt: Unterschiedliche Interessen, vor allem zwischen Haus- und Fachärzten, zwischen Ärzten und Psychotherapeuten und innerhalb dieser Gruppen manifestieren sich zu häufig an Verteilungsfragen. Sie sind damit Ausdruck eines Systems, das diese Konflikte hervorruft, um im Sinne eines „teile und herrsche“ zu agieren. Insbesondere sehen wir die anhaltende Honorardeckelung als Hauptgrund der innerärztlichen Auseinandersetzung, sie ist verantwortlich für die Intransparenz der Honorarabrechnung und beschädigt damit auch die Akzeptanz der Selbstverwaltung. Wer jemals einen Honorarverteilungsmaßstab gelesen und auch verstanden hat, weiß was ich meine. Wenn wir ein Ende der Budgetierung fordern, geht es dabei nicht in erster Linie um mehr Geld. Sondern es geht um Transparenz, Leistungsanreize, Vergütungsgerechtigkeit. Das Problem einer ungerechtfertigten Mengenausweitung kann durch eine entsprechende Gebührenordnung gelöst werden. Eine Budgetierung ist dazu nicht mehr erforderlich, wie uns das TK-Modell gezeigt hat.

BÄ: In jüngster Zeit ist insbesondere die Diskussion um eine Trennung von Haus- und Fachärzten in den KVen heftig geführt worden. Welche Rolle kann der NAV-Virchow-Bund in diesem grundlegenden Konflikt spielen oder sollte er sich dabei eher zurückhalten?

Coordt: Der NAV-Virchow-Bund sieht sich nicht als Konkurrenz der Fachverbände, sondern er will das Gemeinsame betonen und die innerärztlichen Konflikte beseitigen. Wir halten die Trennung der KVen paritätisch nach Haus- und Fachärzten für nicht umsetzbar. Das Problem der Dominanz einzelner Gruppen über andere besteht, gerade in Berlin ist das gut zu beobachten. Aber auch hier geht es letztlich um Verteilungsfragen, auch diese müssen gelöst werden.

BÄ: Stichwort KVen. Welchen Einfluss will der NAV-Virchow-Bund im KV-System in Zukunft geltend machen?

Coordt: Wir unterstützen das System der Selbstverwaltung. Dass freiberufliche Ärzte und Psychotherapeuten gemeinsam die ambulante medizinische Betreuung in diesem Land organisieren, ist eine großartige Leistung. Es ist bewundernswert, wie viele Kollegen und Kolleginnen sich in Kammern, KVen, Kommissionen, Zirkeln usw. engagieren. Allerdings hat die Selbstverwaltung ein zunehmendes Akzeptanzproblem. Sie wird als ein selbstreferenzielles System gesehen, das eine Unmenge Bürokratie befördert und überwiegend mit Verteilungskämpfen beschäftigt ist. Auf Dauer wird das nicht tragbar sein. Selbstverwaltung kann nur gelingen, wenn sie auf eine breite Akzeptanz der Beteiligten trifft. Daher müssen die Strukturen und Handlungsabläufe wesentlich transparenter werden. Mitgliederbeteiligungen müssen ermöglicht werden. Die bestehende Überregulierung, die uns die wir uns selbst auferlegen, muss zurückgefahren werden. Und die bedingungslose Durchsetzung von Partikularinteressen muss ein Ende haben. Die Selbstverwaltung muss alle Kolleginnen und Kollegen vor Ort vertreten und dafür steht der NAV-Virchow-Bund.

BÄ: Welche Rolle spielt aus ihrer Sicht der klassische niedergelassene Arzt künftig im NAV-Virchow-Bund und wie wollen Sie die Interessen einer zunehmenden Zahl von angestellten, ambulant tätigen Ärzten vertreten? Wird die Freiberuflichkeit des Arztes künftig noch den Stellenwert haben, den sie in der Vergangenheit hatte?

Coordt: Freiberuflich tätig ist auch der angestellte Arzt, der seine Entscheidungen mit und an seinen Patienten orientiert und nicht an den Vorgaben seines Arbeitgebers. Für den Arzt müssen unsere Patienten im Mittelpunkt stehen. Welche Erwartungen haben sie? Ist wirklich die Rund-Um-Die-Uhr-Erreichbarkeit entscheidend oder geht es eher um Vertrauen, persönliche Beziehungen? Ob dieser freiberuflich tätige Arzt in Zukunft seine Stellung im Gesundheitswesen behalten wird, weiß ich nicht. Die Alternative wäre eine staatlich-dirigistische Medizin oder eine, die von großen Gesundheitskonzernen gesteuert wird. Die Gesellschaft muss entscheiden, ob sie das will. Ich möchte es nicht.

BÄ: Als Vorsitzender der Landesgruppe Berlin-Brandenburg vertreten Sie die Interessen von niedergelassenen Ärzten im Stadtstaat Berlin und im Flächenland Brandenburg mir ihren jeweils spezifischen Problemen. Wie können Sie diese teilweise unterschiedlichen Interessenlagen unter einen Hut bringen?

Coordt: Alles was wir bisher in diesem Interview besprochen haben, lässt sich sowohl auf Berlin, wie auch auf Brandenburg übertragen. Seit April ist mit Herrn Dr. Burmeister ein Brandenburger Arzt Mitglied im Landesvorstand des NAV-Virchow-Bundes. Ich hoffe, dass wir dadurch stärker die Brandenburger Probleme aufnehmen werden. Die sind sicher in einem höheren Maße als in Berlin geprägt von Ärztemangel, Versorgungslücken, fehlender Praxisnachfolge. Wir müssen den Nachwuchs für die Niederlassung begeistern. Und weil die zukünftigen Versorgungsprobleme nicht an Ländergrenzen Halt machen, müssen auch wir weiterdenken: Warum sollte ein in Berlin Niedergelassener nicht tageweise auch Brandenburg mitversorgen. Solche Versorgungsmodelle diskutieren wir bereits.

Mit freundlichen Genehmigung von "Berliner Ärzte".

Der NAV-Virchow-Bund ist der einzige freie ärztliche Verband, der ausschließlich die Interessen aller niederlassungswilligen, niedergelassenen und ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte aller Fachgebiete vertritt.

NAV-Virchow-Bund
Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands e.V.
Landesgruppe Berlin/Brandenburg
Landesvorsitzende: Dr. Christiane Wessel
Markgrafenstraße 20
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