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Aktuelles

Bedarfsplanung, Honorare, Spezialärzte und Arztnetze – Kurzinfo aus dem Bundesvorstand

Berlin, 14. Oktober 2011 - Kurz vor den parlamentarischen Anhörungen zum Versorgungsstrukturgesetz (GKV-VStG) kam der Bundesvorstand des Verbandes der niedergelassenen Ärzte Deutschlands zur Sitzung in Berlin zusammen. Die geplanten Neuerungen des Gesetzes, insbesondere die Themen Bedarfsplanung, Honorarreform, Förderung von Ärztenetzen und der neue Sektor der ambulanten spezialärztlichen Versorgung (ASV), standen daher im Mittelpunkt der Unterredung.

Formulare und kein Ende - Die ausufernde Bürokratie belastet Praxisärzte zunehmend (© Yanterric - Fotolia.com)

Bedarfsplanung
Der Bundesvorstand des NAV-Virchow-Bundes begrüßt grundsätzlich die Pläne zur längst überfälligen Reform der Bedarfsplanung. Die derzeitigen anachronistischen Regelungen müssen hier durch Bestimmungen ersetzt werden, die auf Grundlage aktueller Daten sowohl die Morbidität wie die demografische Entwicklung berücksichtigen.Eine einfache Umverteilung von Ärzten aus den Städten in ländlichen Regionen ist dabei kein adäquates Mittel zur Sicherung der Versorgung. Schon heute versorgen Praxen in den Ballungsräumen nicht nur die Patienten aus der näheren Umgebung, sondern auch aus dem Umland.

Im Zuge der Reform der Bedarfsplanung fordert der Bundesvorstand den Gesetzgeber auf, bestehende Lücken zu schließen. So sollen auch Arztgruppen von unter 1.000 Ärzten, bislang von Niederlassungssperren ausgenommen, künftig in die Bedarfsplanung einbezogen werden. Die Ausnahmeregelung hat bis heute zur Folge, dass vor allem in den Fachgruppen Nuklearmedizin, Humangenetik und Pathologie unverhältnismäßig hohe Zuwächse an zugelassenen Vertragsärzten festzustellen waren.

Die daraus resultierenden Leistungsausweitungen und Honorarverschiebungen gehen zu Lasten des gesamten fachärztlichen Bereichs. Aufgrund der strikten Honorarbudgets reduziert die Ausweitung beispielsweise der MRT-Leistungen bei Nuklearmedizinern darüber hinaus die für die fachärztliche Versorgung stehenden Mittel. Die fachärztliche Basisversorgung verschiebt sich damit in höchst bedenklichem Maße in Richtung einer patientenfernen Geräte-Medizin.

Um den Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) hier Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen, fordert der Vorstand des NAV-Virchow-Bundes, auch kleine Arztgruppen bei der Bedarfsplanung zu berücksichtigen und die im Referentenentwurf des Gesetzes vorgesehene Streichung des § 101, Absatz 2, Punkt 2 SGB V rückgängig zu machen sowie entsprechend inhaltlich zu ändern.


Ärztliche Vergütung

Dringender Handlungsbedarf besteht auch bei der Vergütung ärztlicher Leistungen. Die von der medizinischen und ökonomischen Entwicklung längst überholten geltenden Vergütungsregelungen stellen keine angemessene Honorierung ärztlicher Tätigkeit dar und lassen die betriebswirtschaftliche Gesamtkalkulation der Praxisärzte außer Acht.

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines zunehmenden Ärztemangels in eigener Praxis – auch bedingt durch die unkalkulierbaren Risiken des ärztlichen Betriebs – erneuert der Bundesvorstand seine Forderung nach einer Honorarreform, bei der folgende Voraussetzungen erfüllt werden:

  • betriebswirtschaftlich kalkulierter und inflationsbereinigter Punktwert von inzwischen mindestens 6,9 Cent
  • strikte Trennung der Haus- und Facharzt-Töpfe sowie Abkopplung der Vergütung der Psychotherapie vom Facharzt-Topf
  • Einzelleistungsvergütung statt Pauschalierung der Leistungen
  • reale betriebswirtschaftliche Gesamt-Kalkulation, die im Hinblick auf die Berechnung der Praxiskosten den Investitionsstau und den Personalabbau der letzten Jahre berücksichtigt und dies nicht wahrheitswidrig als Kostensenkung interpretiert
  • Regionalisierung der Honorierung mit innerärztlichem Honorarausgleich, wenn erforderlich
  • automatischer Inflationsausgleich


Ambulante spezialärztliche Versorgung

Der neu entworfene Bereich der ambulanten spezialärztlichen Versorgung hat Potenzial, die Sektorengrenzen zwischen Kliniken und Praxen zu überwinden und die Versorgung bei schwerwiegenden und seltenen Erkrankungen zum Nutzen der Patienten zu verbessern. Doch das Projekt birgt auch Risiken. Die genaue Ausgestaltung des Bereichs ist zudem bislang unklar. Der Vorstand des NAV-Virchow-Bundes verlangt daher, die Rahmenbedingungen so festzulegen, dass ein fairer Wettbewerb zwischen Kliniken und Praxen gewährleistet ist und kein übermäßiger Bürokratiezuwachs für Ärzte entsteht.

So darf der neue Leistungsbereich nicht budgetiert sein. Zugangsvoraussetzung für teilnehmende Ärzte müssen der Facharztstandard und die persönliche Leistungserbringung sein. Dies hat für Krankenhäuser und den ambulanten Bereich gleichermaßen zu gelten. Weiterhin muss bis zur Einführung der monistischen Finanzierung der Krankenhäuser ein Vergütungszuschlag für den niedergelassenen Bereich gelten. Investitionskostenabschläge für Kliniken sind nicht zielführend.

Voraussetzung ist eine Leistungsvergütung auf Basis eines EBM, der einem betriebswirtschaftlich kalkulierten Punktwert entspricht. Für die Inanspruchnahme der ambulanten spezialärztlichen Versorgung muss weiterhin ein Überweisungsvorbehalt durch niedergelassene Fachärzte gelten. Nur sie verfügen über die nötige Fachkompetenz und sind nah genug an den Patienten. Dass es letztendlich nicht zu einer zusätzlichen administrativen Belastung der Ärzte kommt, muss der Zugang zur ASV bürokratiearm eingerichtet werden. Hier sind die Kassenärztlichen Vereinigungen in der Pflicht, so bei der Ausstellung des Nachweises zur Teilnahmeberechtigung am spezialärztlichen Sektor.

Auch die erforderlichen Qualitätsanforderungen lassen sich von den KVen leichter ermitteln. Zahlreiche Ärzte, die an der spezialärztlichen Versorgung teilnehmen, werden parallel auch weiterhin als „reguläre“ Fachärzte tätig sein. Überflüssige Doppelstrukturen werden verhindert, die Bürokratie eingedämmt. Im Hinblick darauf wird der Gesetzgeber außerdem aufgefordert, die Abrechnung spezialärztlicher Leistungen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen zu ermöglichen. Element eines bürokratiearmen Zugangs sind schließlich dreiseitige Verträge zwischen Kassen, Kliniken und Ärzten, die anstelle aufwendiger und langwieriger Verfahren über den Gemeinsamen Bundesausschuss die Teilnahme an der ASV regeln.


Förderung von Kooperationen

Der Vorstand begrüßt den aktuellen Änderungsantrag der Regierungskoalition, ein eigenes Honorarvolumen für gut organisierte Ärztenetze bereitzustellen. Mit diesem Schritt erkennt die Politik erstmals die gestiegene Bedeutung kooperativer Versorgungsstrukturen an und wirkt an deren Förderung mit. Dabei kann es jedoch nicht bleiben. Neben einigen hochentwickelten Netzen, die de facto in der Lage sind, Versorgungsverantwortung übertragen zu bekommen, existiert eine Vielzahl kleinerer Verbünde, die an der Schwelle zu dieser Entwicklungsstufe stehen.

Nachdem der Kooperationstrend an der ärztlichen Basis weitgehend selbstständig entstanden und durch das Engagement der Leistungserbringer zum heutigen Reifegrad gewachsen ist, ist der Gesetzgeber nun gefragt, der Netzidee dauerhaften Rückhalt zu verschaffen. Im Sinne einer regionalen Gesundheitsversorgung von morgen, hilft die organisierte Kooperation in Arztnetzen, Effizienz, Qualität und gute Arbeitsbedingungen für Ärzte unter einen Hut zu bringen.

Eine kontinuierliche Förderung muss deshalb Arztnetzen zunächst die Leistungserbringereigenschaft im SGB V zusprechen. Dies betrifft insbesondere die Beteiligung an Strukturverträgen (§ 73a, Absatz 1, Satz 1 AGB V) sowie die Gründereigenschaft bei Medizinischen Versorgungszentren (§ 95 SGB V). Regionale Versorgungsverbünde sind bei fehlender Sicherstellung daneben besser als die Kommunen in der Lage, Versorgungsverantwortung zu übernehmen.

Weiterhin darf es bei den finanziellen Steuerungsmöglichkeiten nicht bei der Einrichtung eines eigenen Honorarbereichs für die Netze bleiben. Die Krankenkassen, oft noch zögerlich bei Vertragsabschlüssen mit Kooperationen, müssen Anreize erhalten, Versorgungsverträge mit Praxisnetzen abzuschließen. Sofern bestimmte Bedingungen gegeben sind – mehrheitlich ärztliche Trägerschaft, regionale Verantwortung für medizinische und wirtschaftliche Versorgung, definierte Managementstrukturen und regelmäßige Qualitätskontrolle, – sollen für Netze die gleichen Regeln wie für andere Berufsausübungsgemeinschaften gelten. Die Vergütungsaufschläge werden um einen Versorgungsaufschlag ergänzt, wenn in der Region oder Teilregion ein bestimmtes Maß an ärztlicher Versorgung unterschritten wird.

Zusätzlich können Elemente einer qualitätsbezogenen Vergütung eingeführt werden. Auf Basis eines Kriterienkatalogs, der Kooperationen zur Teilnahme akkreditiert, sollen Ärztenetze schließlich einen lokalen (Teil-)Sicherstellungsauftrag übertragen bekommen können. Die Gesundheitsverbünde wären damit in der Lage, sowohl kollektivvertragliche Leistungen zu erbringen als auch einzel- oder selektivvertragliche Versorgungsangebote zu vereinbaren.


Bundeshauptversammlung

Der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands lädt zur Bundeshauptversammlung am 11. und 12. November 2011 in Berlin. Im Mittelpunkt der öffentlichen Veranstaltung steht in diesem Jahr die Frage der Qualität in der ambulanten Medizin. Die Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen wird in den nächsten Jahrzehnten enorm ansteigen. Neue nicht-ärztliche Anbieter werden versuchen, diese Nachfrage zu nutzen. Aufgabe der Ärzteschaft muss es daher sein, sich der Diskussion um Qualität zu stellen und die von ihr erbrachte Behandlungsgüte als Markenzeichen darzulegen.

Damit einhergehend wird sich für die Kostenträger der derzeitige Preiswettbewerb absehbar in einen Qualitätswettbewerb wandeln. Und auch für die Patienten wird die Transparenz ärztlicher Tätigkeiten hinsichtlich der Auswahl ihrer Ärzte entscheidend sein. Die bereits bestehende hohe Qualität in der ärztlichen Versorgung muss deswegen transparent dargestellt und Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung der ärztlichen Qualität geschaffen werden. Vor dieser Perspektive muss sich die Ärzteschaft klar positionieren und eigenständig wichtige Eckpunkte in der Qualitätsdiskussion definieren. Nur so können ärztliche Interessen eingebracht und unnötige Bürokratie vermieden werden.

Das Impulsreferat für die Diskussion hält der Leiter des Ärztlichen Zentrums für Qualität und Medizin (ÄZQ), Prof. Günter Ollenschläger, und damit ein anerkannter Experte und Autor zum Thema. Anschließend folgt die Verleihung der Kaspar-Roos-Medaille.

Öffentliche Veranstaltung:
Freitag, 11. November 2011, Beginn 10.30 Uhr

Bundeshauptversammlung:
Freitag, 11. November 2011, Beginn 14.00 Uhr
Samstag, 12. November 2011, Beginn 9.00 Uhr

Veranstaltungsort:
Tagungs- und Kongresszentrum Reinhardtstraßenhöfe (ehemals Manzini)
Reinhardtstraße 14, 10117 Berlin

Der NAV-Virchow-Bund ist der einzige freie ärztliche Verband, der ausschließlich die Interessen aller niederlassungswilligen, niedergelassenen und ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte aller Fachgebiete vertritt.

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