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Vorwort zum Jahresbericht 2002
Sehr geehrte Frau Kollegin,
sehr geehrter Herr Kollege,

der mündige Bürger ist trotz aller politischen Skandale Realität. Gerade die rückhaltlose Aufklärung von Verfehlungen der Politiker durch die Presse fördert diese Bewusstseinslage. Auch der mündige Patient, der seine Informationen aus Zeitschriften, dem Internet und über Patientenvereinigungen und Selbsthilfegruppen bezieht und Zweitmeinungen einholt, ist keine Seltenheit mehr.

Beim täglichen Umgang in der Praxis wird der behandelnde Arzt immer mehr mit dieser Tatsache konfrontiert.

Aber den mündigen Versicherten soll es nach dem Willen mancher Krankenkassenfürsten nicht geben. Denn nur so ist die vehemente Ablehnung zu verstehen, wenn Wirtschaftswissenschaftler, Gesundheitsökonomen und Vertreter der Ärzteschaft die Differenzierung des Leistungskataloges der Gesetzlichen Krankenversicherung in Solidarleistungen und Individualleistungen fordern, um die Finanzierung des Krankenversicherungssystems auch in Zukunft zu erhalten.

Wohlgemerkt: ein Grundleistungskatalog, der alle großen Risiken abdeckt und über eine Pflicht zur Versicherung für alle Bürger bindend ist. Über die Gestaltung von Individualleistungen, Selbstbehalte und Zuzahlungen kann eine Krankenversicherung nach eigenen Bedürfnissen und Schwerpunkten zusammengestellt werden. Aber gerade diese Freiheit wollen die Krankenkassen ihren Mitgliedern nicht gestatten, obwohl alle anderen Versicherungen wie Lebens-, Hausrat-, Haftpflicht- und Kfz.-Versicherung in individueller Verantwortung gestaltet und abgeschlossen werden. Oder geht es hier ganz subtil um die Ausübung und den Erhalt von Macht gegenüber der eigenen Klientel?

Ein weiterer Umstand bestärkt mich in meinem Verdacht. Hören wir doch seit geraumer Zeit von derzeit maßgeblichen Politikern immer wieder die Forderung, Monopole und Kartelle auf Seiten der Ärzte müssten zerschlagen werden. Erstaunlicherweise bleiben die Krankenkassen, die Vertragspartner von Kassenärztlicher Bundesvereinigung und Kassenärztlichen Vereinigungen, verschont. Ja sie wollen, wie jüngst der Bundesverband der AOK verlauten ließ, nur noch Einzelverträge mit besonders qualifizierten Ärzten oder Arztgruppen abschließen. Qualifiziert wohl nach den Vorstellungen der Krankenkassen oder ihnen nahestehenden Gutachtern, die das englische oder niederländische Gesundheitssystem als erstrebenswertes Vorbild hinstellen.

Erstaunlich nur, dass Patienten aus diesen Ländern scharenweise nach Deutschland kommen, um den dortigen Wartelisten zu entrinnen.

Herr Ahrens, der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, versichert dann auch voller treuherziger Überzeugung, dass die Ärzte eigentlich nichts gegen eine Qualitätsverbesserung haben könnten.

Haben wir auch nicht. Unsere Arbeit muss täglich auf den Prüfstand der Qualitätskontrolle durch die Patienten. Darüber hinaus haben seit Jahren besonders die Ärztekammern enorme Anstrengungen unternommen, um neben der Aus- und Weiterbildung auch die Fortbildung der Ärzte zu verbessern und auch zu überprüfen. Die zertifizierte Fortbildung in Baden- Württemberg belegt dies in eindeutiger Weise.

Fortschritte in der Medizin sind bis heute immer von Ärzten in wissenschaftlichen Instituten, Krankenhäusern und niedergelassenen Praxen erzielt worden, nicht durch Beschlüsse von Krankenkassen.

Dabei soll es auch bleiben. Wir wollen keine fremdbestimmte, von Krankenkassen oder vom Staat gelenkte Medizin. Das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten muss unbedingt erhalten bleiben, mag der Griff nach der Macht noch so verlockend sein.

Mit freundlichen kollegialen Grüßen
Ihr

Dr. Maximilian Zollner
Bundesvorsitzender